Auf der Stelle getreten

1982 sang die NDW- Gruppe Fehlfarben “Ein Jahr (es geht voran)”. Morgen jährt sich das Coming-out von Thomas Hitzlsperger: Was ist seitdem im Fußball in Sachen Homophobie “voran gegangen”? Die befragten Fans zeigten damals Offenheit, ernstzunehmende Medien und Persönlichkeiten zollten Respekt oder waren begeistert. Doch heute sucht man vergeblich nach neuen, entscheidenden Impulsen im Fußball.

Was war das für ein Hype am 8. Januar 2014! Thomas Hitzlsperger hatte in einem Interview mit der Wochenzeitung “Zeit” über seine sexuelle Orientierung gesprochen. Für Tage beschäftigte scheinbar kein anderes Thema die Öffentlichkeit. Bei Aktiven rund um den Fußball stand das Telefon nicht still. Die 14. International Konferenz der Queer Football Fanclubs in Köln geriet zum Medienspektakel. Nach knapp zwei Wochen war das Thema wieder vom Tisch, Thomas Hitzlsperger hatte seine Karriere nach der aktiven Fußballerlaufbahn gut aufgestellt, die Fußballvorstände steckten in Bezug auf Homophobie und Sexismus wieder ihre Köpfe in den Sand. Wir, die schwul- lesbischen Fans, organisiert seit 2007 im Queer Football Fanclubs QFF, machten unsere Aufklärungs-Arbeit in den Fußballstadien gewohnt weiter.

Also was ist eigentlich seit jenem 8. Januar passiert?  Kein schwuler Profi folgte Thomas Hitzlsperger mit einem Coming- Out; kein aktiver, kein ehemaliger. Sicherlich war das auch nicht die Intension von Hitzlsperger. Noch weniger engagiert sich QFF dafür. Grundsätzlich geht es doch darum, dass im Fußballsport offen über Diskriminierung diskutiert wird.

Findet diese Diskussion statt? Soweit wir Fans das beurteilen können, sind die Fan-“Kurven” seit Januar 2014 etwas sensibler in Bezug auf Schmähungen gegen sexuelle Minderheiten. Aber sind das nicht eher die Früchte des jahrelangen QFF- Engagements vor Ort? Dort stehen schwul- lesbische Fans Woche für Woche offen und engagiert in ihren Fanszenen; riskieren Beleidigungen oder gar  Gewalt. Für ihr Engagement hat es also ein bisschen gebracht, wir besitzen in Hitzlsperger eine ganz neue Identifikationsfigur. Ergo war das Coming-out für die Fans ein Etappenziel- mehr aber auch nicht. Die aktiven Fans wissen, dass noch einiges zu tun ist. Dazu brauchen sie die anderen Fans, aber auch Vereine und Verbände. In den meisten Fanszenen funktioniert die Arbeit gut, man kennt sich, man unterstützt sich, man akzeptiert sich. Schließlich haben alle Fans neben dem Erfolg des eigenen Vereins ein großes Ziel: es soll Spaß machen in ihrem “zweiten Wohnzimmer”. Deshalb engagiert sich QFF gemeinsam mit anderen Fangruppen neben ihrer Kernaufgabe auch gegen Stadionverbote, Ticketpreiswucher oder sinnfreie Anstoßzeiten. Also in den Fankurven “business as usual”.

Dann bleibt ein Blick auf die Nachhaltigkeit bei den anderen Beteiligten dieses Medienhypes vom 08.01.14: Fußballvereine und –verbände und die Medien. Zuerst zu den Medien: erschreckend war in den ersten Tagen des vergangen Jahres, mit welchem Halbwissen, welcher dialektischer Ignoranz, welcher Sensationsgier manche Medienvertreter das Coming- Out von

Hitzlsperger begleiteten. Sensible oder aufklärerische Berichte gab es seltener. Vergessen wurde häufig, dass es um das Intimste eines Menschen geht: um seine sexuelle Orientierung. Nur wer selber ein Coming- Out oder gar ein Outing (liebe Presse, hier gibt es einen Unterschied!) erlebte, weiß, wie einschneidend das im Leben eines homosexuellen Menschen ist. In manchen verunglückten Artikeln wurde Homosexualität mit Depression verglichen, ein Gipfel der Geschmacklosigkeit! Und die mediale Nachhaltigkeit? Sehr lau. Wo waren denn die Pressevertreter später im Jahr als QFF bei Champions League Spielen Protestaktionen gegen Russland und Katar als WM- Ausrichter machte, weil dort Homosexualität bestraft wird. Wo, als QFF in einer großen Aktion mit den Bannern “Football has no gender” von der 1. bis 3. Liga Präsenz zeigte? Jetzt kommen sie wieder, um den Jahrestag und die Ernüchterung danach auf den Sport- Seiten zu thematisieren. In meinen Augen haben sie jedoch auch eine gehörige Mitschuld an dieser Enttäuschung über das Erreichte. Vielleicht sollten die Medienvertreter die Vereine viel mehr unter Feuer nehmen. Sollten sie fragen, was sie außer der bloßen Unterzeichnung der “Berliner Erklärung” der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld (vom Juli 2013) noch gegen Homophobie im Fußball unternommen haben. Erst das Coming Out Hitzlspergers ermöglichte einen Durchbruch in der Anzahl der Unterzeichner. Doch solche Erklärungen müssen mit Leben gefüllt werden. Bereits 2007 gab es die “Leipziger Erklärung”, die viel weitreichender als ihr Berliner Pendant ist und auch vielfach von Spitzenclubs unterzeichnet wurde. Eine Prüfung ihrer Nachhaltigkeit bleibt noch ernüchternder als die Bilanz nach einem Jahr Coming- Out von Thomas Hitzlsperger.

Zeitgleich mit der “Berliner Erklärung” veröffentlichte der DFB seinen Leitfaden “Fußball und Homosexualität”. Nachhaltig? Wohl kaum. Es reicht nicht, wenn man eine Fabrik baut, es bedarf auch eines Produktionszieles, umgesetzt von engagierten Mitarbeitern. Tanja Walther-Ahrens, ehemalige Bundesliga-Spielerin, vermisst nicht umsonst eine thematische Vertiefung: durch Plakataktionen, Internetspots, Vernetzungstreffen. Andernfalls, befürchtet sie, würden die Broschüren in den Vereinsheimen ungelesen verstauben und lediglich Produkt der aufgesetzten politischen Korrektheit beim DFB bleiben. Trauriger Höhepunkt ist in diesem Zusammenhang sicherlich die Auflösung der AG Nachhaltigkeit beim DFB.

Zumindest bei den Landesverbänden tut sich etwas: neben Berlin erwägen auch andere Fußball-Landesverbände, eine Partnerschaft mit Schwulen- und Lesbenverbänden einzugehen. Diskriminierung im Fußball wird mit Plakaten thematisiert, Homophobie fehlt nun nicht mehr bei der Aufzählung.

Das Resümee mag ernüchternd ausfallen, doch war eine Auseinandersetzung bis dahin nie so tief in den Fußballbetrieb gedrungen. Die inhaltliche Beschäftigung mit der Homosexualität im Fußball ist breiter aufgestellt: Hitzlsperger hat den Ball ins Spiel gebracht ohne dabei aber ständig im Mittelpunkt stehen zu wollen. Das ist angenehm. Wir schwul- lesbischen Fans brauchen keine Gallionsfigur. Wir sind jeden Tag unsere eigene Gallionsfigur- mutig und engagiert.  Die Arbeit von QFF bleibt unverändert, wie auch ihr Ziel: die Fan- Kultur in den Stadien zu verbessern und das “getrennt in den Farben- vereint in der Sache”. Es bleibt aber auch die schöne Illusion, es wäre für einen ehemaligen Nationalspieler das Normalste auf der Welt, seine Homosexualität öffentlich zu machen.

Geschrieben von Dirk Brüllau

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